ausbreitende kuhfladen
kühn – ein adjektiv, das wagemut, verwegenheit, das außergewöhnliche bezeichnet; dass ausgerechnet klaus-michael kühnes operngeschenk an hamburg das genaue gegenteil verkörpert – eine sich duckmäuserich am boden ausbreitende, aus kopenhagen recycelte architektonische verflachung, ist nur die erste von vielen ironien dieses projekts.1
der erste akteur:
der dänische baukonzern bjarke ingels group hat jüngst das qualifikationsverfahren für den bau der neuen oper gewonnen2, mit einem entwurf, der mit seiner formsprache kaum aneckt, eine die ihre gleichgültigkeit der form zum ästhetischen prinzip erhebt; er bedient sich einer wirbeloptik, zutreffend für den standort einer landzunge, tatsächlich gibt es hier besonders starke hydrodynamische phänomene, während die ästhetik trotzdem gefahrlos bleibt; eben jene landzunge befindet sich auf dem historischen ort des baakenhöft auf exakt halber höhe zwischen elbtower und elbphilharmonie, denn ob es an dieser stelle eines weiteren leuchtturms bedarf, ist streitbar, schließlich liegt es an der stadt wahrzeichen zur kapitalisierung einer durch schifffahrt geprägten stadt zu schaffen; die visualisierungen der big wollen ein zu allen seiten offenes opernhaus mit aufzwirbelnder dachlandschaft zeigen, es soll schliesslich ein "architektonisch herausragendes gebäude mit hervorragender aufenthaltsqualität für alle hamburgerinnen und hamburger werden"3, ein gläsernes foyer, umgreifende parkanlage in einheitlicher zwiebelringsprache, die sich immerhin in der angularität von jenem entwurf für die prager philharmonie aus gleichem hause unterscheidet4; schlussendlich bilden jene minimal geneigten pfannkuchenscheiben ein gesamtbild, das einer fest vertäuten superyacht ähnelt und dem geldgeber somit nicht missfallen wird.
der zweite akteur:
aus lehren der vergangenheit lernt sich gut, nicht der hamburger senat; zwei prominente beispiele, wie eine finanzierung für großprojekte in der hansestadt läuft, sind allgemein bekannt, eine steigerung von 77 millionen euro zu 866 millionen euro für den bau der elbphilharmonie und aus jüngster vergangenheit die bereitschaftsbekundung des hamburger senats zur rettung des elbtowers über eine halbe milliarde, um sich für sein naturkundemuseum einzukaufen5; nun will die stadt an diesem standort für 250 millionen euro weg und landschaft für den opernneubau ebnen, damit anschließend für eine summe von 350 millionen euro die kühne-stiftung ausbreiten darf; wie schon in der vergangenheit bereitet die stadt nun die topografischen gegebenheiten vor, damit sich das kapital rentabel verwerten kann; neben diesem blick in das kollektive kurzzeitgedächtnis sollte man sich auch der weiter liegenden vergangenheit gewahr machen, denn bereits anfang des jahres forderten wissenschaftler ein dokumentationszentrum an gleicher stelle, um auf die koloniale vergangenheit des standorts aufmerksam zu machen6; während des genozids an den herero und nama fuhren von dieser stelle 95% der deutschen soldaten, um in deutsch-südwestafrika zehntausende zu töten und in konzentrationslagern zu internieren; dieser überbau durch die stadt und deren mitakteure wird nun, entgegengesetzt zum ziel, die eigene geschichte aufzuarbeiten, einen schleier über einen bedeutenden teil der hamburgischen kolonialgeschichte legen; es geht um die verwertbarkeit des raumes, aber erinnerung hat keinen marktwert.
der dritte akteur:
mit einem vermögen von geschätzten 34,4 milliarden euro gilt klaus-michael kühne als zweitreichster deutscher und, da er mit selbstverständlichkeit in der schweiz, rein uneigennützig im niedrigsteuerkanton schwyz, lebt, als reichster mann dieses landes7; stark heimatverbunden setzt er sich mit seiner stiftung für kulturelle und wissenschaftliche zwecke, vor allem in seiner geburtsstadt hamburg, ein, so unterstützt er die elbphilharmonie und hamburger staatsoper finanziell, unterhält eine business-school mit mehreren standorten in hamburg; ähnlich ambitioniert wie die hansestadt hält er es auch mit der aufklärung der vergangenheit, so blockierte kühne die bekanntmachung der eigenen studie über die unternehmensvergangenheit; kühne + nagel waren tief in den raub jüdischer güter während des nationalsozialismus verwickelt, sie orchestrierten fast monopolistisch den transport der geraubten möbel und hausrat der verfolgten juden8; es ist vollkommen konsequent auf eben jenem standort, der die historischen und finanziellen bedingungen für den wohlstand des hamburgisch-deutschen kapitals ermöglicht hat, sich, der aus eben jener tradition von gewalt und ausbeutung kommt, ein denkmal zu setzen; am ende gehört diesem reichtum auch das bild der stadt, die ihm das fundament dafür bereitstellt.
conclusio:
euphorisch einstimmig hat sich nun die jury für jenen entwurf entschieden, unbeachtet der lautstarken forderungen nach einer mitsprache zur entscheidung über den opernbau und befürchtungen, dass durch das einkaufen der stiftung demokratische grundsätze verletzt würden, weil die fragen der kapitalisierung und nicht der schönheit oder kultur zählten9; des weiteren ist unklar, inwiefern sich der standort als offener raum bewähren kann, wo dieser doch in einer abgelegeneren gegend, abseits des gesellschaftlichen lebens, liegt und in kürzester entfernung nur ein neu erschlossenes luxusquartier aufzuweisen hat, das gerne von jenen bewohnt wird, die sich an dem anblick einer kulturellen institution erfreuen, diese aber seltenst betreten; verwunderlich ist, dass nach der präsentation durch die selbstgerechte männerriege kein weiteres phallussymbol zwischen geschrumpftem rene-benko-türmchen und der elbphilharmonie entstehen soll.
was bleibt ist das fanal eines superreichen, der sich am ort kolonialer und nationalsozialistischer verbrechen ein denkmal setzt – nicht kühn, sondern schamlos; hamburg bekommt keine visionäre architektur, sondern einen horizontal ausgebreiteten kuhfladen, der die geschichte unter sich begräbt; die wahre kühnheit wäre gewesen, dieses vergiftete geschenk abzulehnen.


